Wie eine Sekunde dein Leben verändert. Und was du daraus machen kannst.

 

– letzter Gastbeitrag meiner Praktikantin Katharina Glebe – 

 

Ein persönliches Beispiel, wie man das Positive in bitteren Schicksalsschlägen erkennt.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ (Antoine de Saint-Exupéry)

 

 

Du weißt, dass eine schlechte Nachricht kommt

 

Nur unterdrücktes Weinen auf der anderen Seite des Telefons. Oh je, wenn Mama weint, kann es nur eine elementar schlechte Nachricht sein. „Anton.“, sagt sie.

Anton ist mein 22-jähriger Neffe. Auch wenn ich seine Tante bin, trennen uns nur 4 Jahre – ich habe ihn aufwachsen sehen und er mich quasi auch. Also der Sohn meiner wesentlich älteren Halb-Schwester, zu der und deren Familie es in den letzten 5 Jahren keinen Kontakt gab.

„Er ist hatte `nen Autounfall und ist wahrscheinlich querschnittsgelähmt. …Liegt noch im Krankenhaus in Dänemark. Wird notoperiert. Sie versuchen den Wirbelkanal zu weiten.“

Stille und Leere. Alles, worüber ich in den vergangenen Wochen bis just vor dem Moment, in dem diese Worte vom Ohr in mein Bewusstsein drangen, war weg. Als hätte jemand mit einem Schwamm die vollgekritzelte Tafel blitzschnell leer gewischt. Da stand jetzt nur noch eine Sache: „ANTON – QUERSCHNITTSGELÄHMT“.

 

Wie kann man in solch einem Moment reagieren?

 

Bekanntlich gibt es bei Gefahr in der Tierwelt diverse Bewältigungs-Versuche (beim Menschen in der Psychologie bezeichnet als >>coping<<): Angreifen (also Handeln), Totstellen (im Sinne Erstarren vor Schock) oder Weglaufen (eventuell metaphorisch zu verstehen als Verdrängung).

Da ich kein Tier bin und über höhere kognitive Funktionen verfüge, breitete sich die Vorstellung in meinem Kopf aus und flutete mein Gehirn mit Fragen: Kann er seine Arme noch bewegen? Und vor allem: Was ist mit seinem Kopf? Ist er noch dieselbe Person wie zuvor?

Ich entschied mich zu handeln. Das hilft mir meistens, um wieder ein Gefühl von Kontrolle und Selbstwirksamkeit zu erlangen und nicht mehr hilflos und gelähmt voller Sorge verharren und abwarten zu müssen.

Ich wollte mit ihm Kontakt aufnehmen, soviel stand fest. Nur wie? Soll ich lieber ihn direkt kontaktieren oder mich bei meiner Halb-Schwester melden? Und will er überhaupt was von mir wissen? Oder mache ich das nur um mich besser zu fühlen?

Ich suchte eine schöne Karte aus, schrieb schnell meine liebsten Wünsche und Herzensworte sowie meine Handynummer drauf.

 

Zarte Kontaktaufnahme

 

Zwei Tage später rief er mich an. Es tat so unheimlich gut mit ihm zu telefonieren – nicht nur, ihn nach so langer Zeit wieder zu sprechen, sondern besonders ihn persönlich zu hören um einschätzen zu können, wie es ihm wirklich geht.

Ich besuchte ihn bald darauf im Krankenhaus. Natürlich freute ich mich wahnsinnig darauf, ihn zu sehen. Aber ich hatte auch Sorge, wie es nach so langer Zeit sein würde und noch mehr die Angst, etwas Falsches zu sagen oder zu tun in dieser besonderen Situation.

Und ich denke so geht es vielen Menschen. Manchmal überfordert uns das Leben und wir finden nicht die passenden Worte. Aber manchmal reicht gemeinsames Schweigen aus. Denn Mitleid macht keinen Kranken wieder gesund, im Gegenteil. Aber das Gefühl geliebt und umsorgt zu werden, das macht viel aus.

 

Erste Begegnung – so vertraut und doch völlig neu

 

Meine Sorge war nicht nur unbegründet, vielmehr war die Zeit mit ihm die glücklichste seit Langem:

Einen vertrauten Menschen zu sehen, der so positiv mit seinem neuen Schicksal umgeht war eine große Ehre und Inspiration für mich. Er ist in dieser Hinsicht wirklich mein Vorbild geworden.

Auch die anderen Familienmitglieder inklusive meiner Halbschwester kamen sonntags ins Krankenhaus. Mit ihr hatte ich zuvor schon telefoniert und ganz grob die aktuellen Ereignisse besprochen. Ich bin so dankbar dafür, dass ich direkt von allen wieder mit offenen Armen aufgenommen wurde. Ich weiß nicht, ob ich im umgekehrten Falle diese Größe besitzen würde.

 

Wir haben abgemacht, dass egal, was passiert, wir dieses wieder neu geschlossene Band zwischen uns nicht reißen lassen oder zerschneiden wollen. Ein klärendes Gespräch steht noch aus, bei dem ich den ersten Schritt gehen muss. Wenn wieder etwas Ruhe eingekehrt ist möchte ich gerne Aspekte unserer Beziehung besprechen, die mich damals so verletzt haben, dass ich den Rückzug gemacht habe (sog. „Ghosting“). Aber das eilt nicht.

Und Anton, der macht große Fortschritte und ist sogar beim letzten Besuch aus seinem Rolli aufgestanden, und hat an mir lehnend gestanden.

 

Jede Erfahrung ist eine Möglichkeit zu lernen

 

Solch bewegende Momente sind rar und ich sauge sie auf und versuche sie gedanklich zu konservieren. Ich glaube nichts lässt Menschen wohl so sehr den Alltag anhalten und stocken wie Krankheit und Tod, aber auch die Geburt.

Dieser Unfall war ein Schock und die Folgen sind eine riesige Umstellung und Herausforderung für meinen Neffen selbst, aber auch sein Umfeld. Aber er hat uns allen die Augen geöffnet und uns daran erinnert, was wirklich wichtig ist im Leben. Denn wir haben ja nur das eine Leben.

Und wichtig sind weder unsere Alltagssorgen, noch unsere Ego-Probleme (wie Stolz oder Rechthaberei), sondern Liebe.

So kitschig es klingen mag, aber Liebe und Bindung sind meiner Ansicht nach die Motive, auf die wir am stärksten hören sollten. Wenn alle Menschen genug Liebe geben und erfahren würden, dann wäre diese Welt tatsächlich ein besserer Ort.

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